MacDuff, John R. - Der Bogen in den Wolken - 2ter Tag. - Ein Liebesrat

Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken.

Der Herr hat an dem Glück keines Knechts Wohlgefallen.
Ps. 35, 27.

Was ist Glück? Sind's die Fäden eines Lebens, die zu einem glänzenden Gewebe zusammengewirkt worden? Ist's ein voller Freudenbecher? Ist's großer Reichtum? Ist's der Beifall der Welt? oder ein lückenloser Familienkreis? Mitnichten! Netze und Schlingen sind's oft nur, die man hinnimmt ohne Danksagung, während sie die Seele abziehen von ihrer himmlischen Berufung. Glück im geistlichen Sinne ist vielmehr, wenn der Herr uns bei der Hand fasst und uns in das Tal der Demütigung hinableitet und uns, wie einst seinem Knechte Hiob, Schafe, Ochsen, Kamele, Vermögen, Kinder und Gesundheit nimmt damit wir uns vor Ihn hinlegen in den Staub und ausrufen: der Name des Herrn sei gelobt!1)

Ja, so ist es: die Kehrseite von dem, was man in der Welt gewöhnlich Glück zu nennen pflegt, ist der Hintergrund, worauf der Bogen der Verheißung zum Vorschein kommt. Der Herr lächelt uns durch die Regentropfen und Tränen des Kummers an! Seine Liebe zu uns ist zu treu und sein Interesse für das Heil unserer Seelen zu groß, als dass Er uns in Einem fort erleben ließe, was man verkehrter Weise Glück nennt. Sieht Er, dass wir in der Erfüllung seiner Gebote träge sind oder sie mit Kälte hintenansetzen, und merkt Er, dass die Liebe zu ihm in unserm Herzen erstirbt und hingerissen wird von der Liebe zur Welt, dann legt Er uns einen Dorn ins Nest, dass wir die Flügel erheben und emporfliegen, damit wir Allem, was uns von unten her beschleicht, für immer entweichen möchten.

Oft kann ich das Geheimnis solcher Schickungen nicht verstehen. Oft frage ich unter Tränen: warum diese traurige Störung meines Erdenglücks? Warum werden die vielversprechenden Zweige. meiner Hoffnung so vor der Zeit abgerissen? Warum muss dieser Kürbis, an dem mein Herz sich weidete, so plötzlich verdorren? Die Antwort ist klar: darum, weil der Herr das Glück deiner Seele im Auge hat. Glaube nur: deine wahren Ebenezers2) werden sich doch dicht neben deinen Zarpaths3) (den Schmelzöfen der Trübsal) erheben. Halte die Leiden, welche er dir zuschickt, doch nicht für die Folgen einer launigen Willkür. Nein, vielmehr beruht Alles, was Er tut, auf einer gerechten Notwendigkeit. So oft er dich seine züchtigende Hand fühlen lässt und dich Wege führt, die du selbst weder verstehst noch dir je erwählt haben würdest, flüstert Er dir sanft ins Ohr: Mein Lieber, ich wünsche in allen Stücken, dass dir es wohl gehe und du gesund seist.4)

Sei ruhig, meine Seele, in der festen Überzeugung, dass Alles, was Gott tut, wohlgetan ist. Murre über nichts, was dich mehr in seine Liebesgemeinschaft hineinbringt. Danke Ihm für jede wahre Sorge, denn du kannst sie alle getrost auf Ihn werfen. Sowohl dein zeitliches als dein ewiges Glück liegt Ihm zu sehr am Herzen, als dass Er dir irgendeinen Schlag, irgendeinen Schmerz zu viel zufügen sollte. So vertraue denn Alles, was dich trifft, seinen Händen und lass es still in ihnen ruhen!

Und wenn es kommt, dass ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken.

1)
Hiob 1, 21.
2)
1. Sam. 7,12
3)
1. Kön. 17,9
4)
3. Joh. 2